hmf
Ich schweige. Ich möchte einfach allein sein.
Muss mich mit dem Gedanken anfreunden, dass Tom alles bereut. Wahrscheinlich auch noch diese ganzen sanften Küsse, die mich innerlich schon wieder zergehen lassen…
Es klopft ein zweites Mal.
Ich seufze.

„Moment…“

Ich schiebe den Text beiseite. Mann, ich brauch noch einen Refrain. Nur wie fang ich den an? Mit welchen Worten lässt sich mein Inneres gut beschreiben?
Ich entriegel die Tür und öffne sie dann.
Tom steht erschrocken vor mir.
Ich senke schnell meinen Blick und gehe zurück zum Schreibtisch. Setze mich.
Was will der denn jetzt?
Ich höre seine Schritte und mir fällt sofort die Situation von vor ein paar Stunden ein.
Fuck. Was hat uns nur dazu geritten so etwas zu tun? Immerhin sind wir Brüder, Zwillinge und miteinander verwandt. Hallo? So was ist doch nicht normal oder?
Außer man steht auf Liebes-Entzug.
Oh nee, jetzt will ich diese Sache auch schon damit rechtfertigen, dass ich keine Liebe bekomme. Irgendwas stimmt mit meinem Verstand nicht. Wieso schaltet er sich bei Tom seit letzter Zeit aus? Ich muss in ne Klinik. Wenigstens Therapie. Vielleicht geht dadurch ja auch der Verfolgungswahn weg… Ein Versuch könnte ja nicht schaden.

Plötzlich fühle ich Hände auf meinen Schultern. Ich drehe mich kurz um und sehe Tom an. Er deutet auf den Tisch.
Hui. Der hat mir was zu Essen gebracht. Pizza-Baguettes. Ich drehe mich wieder zu meinem Zwilling, der sich inzwischen aufs Bett gesetzt hat.

„Danke“, lächle ich.
Und ich dachte, er würde mich ignorieren.
„Kein Thema. Warum bist du nich’ geblieben?“
Ich schlucke hart.
„Weiß nich’.“
Ich widme mich wieder meinen Baguettes und beiße hinein. Scheiße, ist das heiß. Egal. Der Hunger ist größer. Und so esse ich die drei Baguettes auf, ohne dass einer von uns etwas gesagt hat.

„Morgen ist Samstag. Wollen wir nach Hause?“
„Nee. Ich möchte hier bleiben. Hab grad ne Songidee“, meine ich.
„Aber das Album ist doch schon in Produktion…“
„Egal. Dann kommt er eben auf die Single drauf“, sage ich vergnügt.
Wie Essen die Laune doch steigern kann. Also wirklich.
„Dann bleibe ich auch hier.“
Gefährlich. Oder doch harmlos?
Tom gibt mir das, was ich im Moment nicht bekomme. Dadurch, dass ich von ihm Liebe geschenkt kriege, fühle ich mich als könnte ich fliegen. Als hätte ich Flügel, die mich über meine angeknackste Psyche tragen könnten, als wäre ich hoch oben im Himmel, in der Luft.
Tom schenkt mir dieses Gefühl. Ohne ihn würde ich mich in manchen Momenten vielleicht noch verlorener fühlen, als ich es eh schon bin. Ich würde alles dafür tun, dass Tom sich nicht aufopfern müsste, mir diese Liebe zu schenken. Ich will mein Selbstbewusstsein wieder – um mich vielleicht selbst wieder lieben zu können.
Ich höre wie Tom sich aufs Bett legt. Und wieder denke ich an seine Küsse. Als würde ich sie noch genau jetzt in diesem Moment erleben.
Warum zum Teufel geben mir seine Zärtlichkeiten so viel Kraft – so viel Kraft, dass ich denke, ich könne fliegen?!
Ruckartig greife ich zu Stift und Papier.

‚Komm und hilf mir fliegen’
‚Leih mir deine Flügel’
‚Ich tausch sie gegen die Welt’
‚Gegen alles was mich hält’
‚Ich tausch sie heute Nacht’
‚Gegen alles was ich hab’

Wow. Der Refrain ist fertig.
Das hab ich Tom zu verdanken.

„Danke!“
Tom stützt sich mit den Ellenbogen ab und linst zu mir rüber.
Bei seinem fragenden Blick muss ich grinsen.
„Der Refrain ist dank dir fertig geworden!“
„Echt? Lass ma’ sehen!“
„Nein. Erst wenn der Songtext ganz fertig ist, okay?“
Tom guckt enttäuscht aber dann nickt er.
Und dann klopft er aufs Bett.
Ohne zu überlegen setze ich mich zu ihm.

„Die anderen wollen nach Hause fahren…“, sagt Tom und fummelt nervös an seinem Shirt rum.
„Hmm… ist doch okay oder nicht?“
„Jaa…“, kommt es von ihm und dann lässt er sich wieder aufs Bett fallen und streckt sich.
Ich beuge mich über ihn und sehe ihm in seine Augen.
„Oder stört es dich allein mit mir zu sein?“
Mein Zwilling schüttelt den Kopf und nimmt meinen Kopf in seine Hände.
Streicht mit seinen Daumen über meine Wangen.
Dann zieht er mich vorsichtig runter zu ihm und legt seine Lippen auf meine, als sei es selbstverständlich.
Ich erwider seinen Kuss nur zu gerne. Fühle mich dadurch doch stärker. Ich hoffe, es wird nicht zu einer Droge. Sonst würde ich nur schwer davon loskommen.
Nach dem Kuss lächelt er und meint: „Ganz im Gegenteil, Bill…“
Gratis bloggen bei
myblog.de