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Ich vergrabe meinen Kopf in Toms Halsbeuge und schluchze laut.
Vom vielen Weinen hyperventilier ich schon ein bisschen.
Aber es hört einfach nicht auf.
Ich kann einfach nicht aufhören zu weinen.

Tom streichelt beruhigend über meinen Rücken.
Er ist still, schweigt.
Er ist schon viel zu lange ruhig...
...und ich weine schon viel zu lange.

Wieso habe ich von alldem nichts bemerkt?
Wieso habe ich mir damals nicht eine Pause gegönnt sondern mir eingeredet mit mir sei alles okay?
Warum habe ich dadurch Tom ausgenutzt, benutzt?
Warum?
Warum?
Warum habe ich mit ihm geschlafen?
Warum?

Tom zieht mich näher zu sich.
Kurz blicke ich von seinem Schlaf-Shirt hoch.
Das ehemals Weiße ist völlig durchnässt und somit Durchsichtig.
Tom legt seinen Kopf nun in meine Halsbeuge.
Ich schlinge meine Arme um seinen Nacken, um ihm ganz nah zu sein.
Noch immer finden Tränen ihren Weg aus meinen Augen.

"Ssscht...", macht Tom plötzlich.

Meine Nackenhaare stellen sich auf und ich spüre einen Schauer durch meinen Körper ziehen, der mich mit Gänsehaut bedeckt.
Ich lausche in die Stille.
Sagt er noch etwas?
Ich muss schlucken.
Zu viel Salz von den Tränen ist in meinen Mund gelaufen.
Tom drückt sich fester an mich.

Wieso sagst du nichts?
Wieso weinst du nicht?
Wieso schreist du nicht?
Wieso schlägst du mich nicht?

Nach all dem, was ich dir angetan habe?!

Wieder streicht er über meinen Rücken.
Ist einfach nur für mich da.
Lässt mich ohne Weiteres an seiner Schulter weinen, obwohl ich ihm wahrscheinlich das Herz ausgerissen habe...

Warum bin ich so?
Warum hab ich nichts gemerkt?
Warum verdammt?
Warum?

Wieder überkommt mich eine Welle der lauten Tränen.
Ich krall mich in Tom Shirt.
Kann mich nicht mehr beruhigen.
Fühle durch und durch die Schuldgefühle, die mich langsam aber sicher zerfetzen.

Warum nur?
Warum bist du noch hier?
Warum?

Klar, ich wollte Hilfe.
Hilfe von dir.
Weil ich dir vertraue.
Aber jetzt würde ich deine Hilfe so gerne ablehnen - will dich einfach nicht verletzen.
Aber ich bin so schwach.
Ich kann dich einfach nicht loslassen.

Es tut mir Leid.

Tom zieht seinen Kopf zurück.
Mein Herzschlag verschnellert sich.
Langsam legt er einen Finger unter mein Kinn.
Zwingt mich so, meinen Kopf etwas zurück zu ziehen um ihn anzuschauen.
Dann seh ich sie.
Die wundervollsten Augen dieser Welt.
Die soviele Gefühle auf einmal ausstrahlen können.
Trauer, Liebe...

Ich schlucke und sehe ihn weiter an.
Auch Tom mustert mein Gesicht, meine Augen.
Immer noch weine ich.
Langsam wischt er die Tränen mit seinem Daumen weg.
Ich schließe die Augen.
Versuche sie aufzuhalten.
Die Tränen.

"Küss mich, Bill..."

W-was?

Ich öffne schlagartig die Augen, nachdem ich den Sinn dieser Wörter verstanden habe.
Aber warum soll ich ihn küssen?
Hat er nicht schon genug Schmerz durch mich erfahren?

"Tom, ich-"
"Bitte", sagt er mit flehendem Unterton.

Ich schlucke abermals.

Langsam beuge ich mich vor.
Nehme den Kopf meines Zwillings in meine Hände.
Richte meine Augen auf seine.
Nur noch weniger Zentimeter trennen unsere Lippen.
Ich spüre Toms Atem.
Er schließt seine Augen.
Und ich setze meine Lippen auf die seinen ab.

Ich spüre eine wohlige Wärme in meiner Magengegend.

Scheu erwidert Tom den Kuss, zieht mich näher an ihn.
Sanft und fast zerbrechlich ist dieser Kuss.
Quasi eine Annäherung nach den 2 Tagen.
...aber er ist schön.

Ich bin froh, dass Tom mein Zwilling ist.
Deswegen will ich ihm doch nicht wehtun.
Er ist der wichtigste Mensch in meinem Leben.
Er gibt mir so viel.
...und ich kann ihm niemals so viel zurückgeben wie er mir gibt.

Ich beende den Kuss.

Wieder platzen die Schuldgefühle über mich ein.
Stumme Tränen laufen über meine Wangen.
Tom öffnet wieder seine Augen.
Unser Blick trifft sich.

"Es tut mir Leid", sage ich.

Tom nickt nur.
Ich sehe es.
Ich sehe wie er sich stark zusammenreisst.
Ich sehe es.

Ich rutsche näher zu ihm.
Schliesse ihn in meine Arme.

Jetzt ist es an mir.
Jetzt ist es an mir ihn zu trösten.
Und nicht mich trösten zu lassen.
Ich bin für dich da, Tom.
Immer.
Jederzeit.

Tom erwidert die Umarmung.

"Du darfst es, Tom", flüstere ich direkt in sein Ohr, "...du darfst ruhig weinen."

Und schon spürte ich die erste Träne...
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