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Tom weint und weint.
Und die Zeit vergeht.
Wie spät oder früh es ist, möchte ich gar nicht wissen.

Tom gräbt seinen Kopf in meine Halsbeuge, als ob er sich verstecken wollte in dieser kleinen Nische.
Ich ziehe ihn enger an mich, streiche ihm behutsam über den Rücken.
Tom zieht die Nase hoch und schluchzt.
Mein T-Shirt wird durchnässt an der Stelle, wo er sein Gesicht vergräbt.
Er krallt seine Finger immer tiefer in meine Schultern.
Aber es tut gut.
Es tut gut zu wissen, dass ich für ihn da sein kann.
Dass er sich trotzdem noch bei mir ausheult, obwohl ich ihm so sehr wehgetan habe.
Dass er mich nicht hasst, sondern bei mir bleibt.
Es tut einfach irgendwie gut.
Aber irgendwie kann ich ihn auch nicht verstehen.
Ehrlich gesagt, kann ich (im Moment) nicht verstehen, warum er sich in mich verliebt hat.
Ich bin egoistisch und habe ihn verletzt.

Tom hebt seinen Kopf. Ich weiche kurz zurück, damit ich ihn ansehen kann.
Er sieht mich mit großen Kulleraugen an und immer noch fließen kleine Tränchen aus dessen Augen.
Sanft streiche ich sie mit meiner Hand weg.
Und in mir macht sich ein Gefühl breit, dass sich Geborgenheit nennt.
Mir wird angenehm warm.
Langsam lächle ich.
Toms Mundwinkel zucken ebenfalls ein wenig in die Höhe.
Ich streiche über seine Wange und platziere meine Hand dann auf seiner Schulter.

"Tom, ich weiss-", ich stoppe mich selbst, "-nein, ich kann mir vorstellen, wie sehr ich dich verletzt habe. Und... Es tut mir Leid, Tom..."
Tom sieht mich abwartend an.
Ich lasse meinen Kopf sinken.
Verzeihen wird er mir doch eh niemals, oder?
Vergessen kann er's jedenfalls nicht. Das ist sicher.
Wahrscheinlich hat ihm noch nie jemand so weh getan wie ich.

Ich spüre Hände auf meinem Oberschenkel. Toms Hände.
Er rutscht ein bisschen zu mir vor.
Dann flüstert er: "Dir braucht nichts Leid zu tun."

Ich will ihn anschreien, was ihm denn einfalle!
Ich habe ihn schließlich ausgenutzt, ihm weh getan, ihm sein Herz genommen und jetzt?
Jetzt meint er, mir brauche nichts Leid tun?
Tom, was ist denn mit dir bitte los?

Ich spüre warme Lippen auf meinen.
Tom...

Ich will das nicht.
Ich will dir dadurch nicht wehtun.

Aber...

Langsam drückst du mich nach hinten, sodass ich auf die Couch falle und liege.
Du löst den Kuss nicht, sondern legst dich auf mich.

Sanft massierst du meine Lippen.
Hauchzart, als hättest du Angst, dass du etwas kaputt machst.
Deine Hände fahren durch meine Haare.
Ich spüre deine nassen Wangen.

Ich will dir doch nicht noch mehr wehtun.

Bevor du den Kuss intensivieren kannst, ziehe ich meinen Kopf zurück.
Ich sehe dich forschend an, aber dein Blick zeigt keine Gefühle.
Dann laufen stumme Tränen über deine Wangen...
Hast du dasselbe Problem wie ich?
Brauchst du dringend Liebe?
Suchst du sie bei deinem Zwilling?

Oder... fühlst du wirklich für mich?

Ich lege meine Arme um dich. Ziehe dich ganz auf meinen Körper.
Deinen Kopf legst du dabei auf meine Brust.
Ich spüre jeden Atemzug.
Von dir.

"Bill?"
"Hm?"
"Wa-warum darf ich dich nicht küssen, wenn mir danach ist?"
"Tom... Das ist alles so kompliziert und ich hab-"
"-Schuldgefühle?"
"Ja..", gebe ich flüsternd zu.

Tom richtet sich etwas auf um mich ansehen zu können.
Dann seufzt er.

"Aber, Bill, ich.. sehne mich so sehr danach, dich zu berühren und dich zu küssen."
"Tom?"
"Ja?"
"Liebst du mich wirklich? Mit jeder Faser deines Herzens?"
"Ja."
"Und bist du dir ganz sicher, dass es nicht nur Bruderliebe ist?"
"Ja, es ist mehr."
"Wie.. lange schon?"

Tom antwortet nicht.
Sondern legt seinen Kopf wieder auf meine Brust.
Malt Kreise darauf.
Dann spüre ich etwas Feuchtes.
Weint Tom etwa wieder?

"Weinst du?", flüstere ich.
"Wieso? Wieso darf ich dich nicht lieben?", sagt er verzweifelt.

Die Frage ist berechtigt.
Habe ich denn wirklich etwas dagegen, dass er mich liebt?
Warum darf er es denn nicht?

Ich.. hab ihm wehgetan.

"Tom, ich will dir nicht wehtun."
"Solange ich bei dir sein darf, wirst du mir nicht wehtun."
"Tom, verstehst du denn nicht? Ich habe dich verletzt, obwohl ich in deiner Nähe war."
"Bill, aber ich liebe dich."

Ein Schluchzen von Tom.
Wärme zieht sich durch meinen Körper.
Da ist es.
Sein Geständnis.
Deutlicher kann es nicht formuliert werden.

"Aber..."

Was Aber?
Weil ich ihn nicht liebe?
Jedenfalls nicht so, wie er mich?
Oder.. fühle ich doch mittlerweile mehr für ihn als geplant?
Ich weiss es nicht.

"Wir brauchen Abstand."
"Das halt ich nicht aus."

Ich lächle.
Zum ersten Mal spricht Tom.
Über seine Gefühle.
In der lezten Zeit ging es immer nur um mich.
Aber jetzt sagt er auch mal, was Sache ist.
Und das heisst, dass er mir immer noch vertraut.
Hat er mir verziehen?
Bereut er es etwa nicht?

"Danke, Tom."

Warum ich das sage, weiss ich nicht.
Ich verspüre einfach den Drang, 'Danke' zu sagen.

Mein Zwilling steht auf.
Hält mir eine Hand hin.
Dann zieht er mich von der Couch.
Ich blicke ihn an und stelle fest, dass seine Tränen getrocknet sind.

"Schläfst du heut bei mir, Bill?"


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